Ab ersten Juli 2009 ist für die Integrationskursteilnehmer mal wieder alles anders: Der neue Deutschtest für Zuwanderer (DTZ) ist da und löst die alte B1-Prüfung ab. Ich war im Mai auf der Prüferschulung von telc. telc ist vom BAMF beauftragt, den neuen Test zu konzipieren und durchzuführen. Zwar scheint der DTZ noch nicht richtig ausgereift zu sein, trotzdem steht das Grundgerüst fest. Was nun alles anders oder neu ist und was man kritisch sehen kann – das habe ich mal hier zusammengefasst.
1. Was sich (fast) nicht ändert
Im Grunde gleich geblieben ist der komplette schriftliche Teil der Prüfung. Die vier Fertigkeiten Hörverstehen, Leseverstehen, Grammatik und Briefschreiben werden in fast vertrauter Form abgeprüft. Allerdings: Der Grammatikteil ist ziemlich zusammengeschrumpft und besteht aus nur noch einer Zuordnungsaufgabe. Als Brief wird in Zukunft nur noch der formelle Brief geschrieben werden müssen – in Form einer Mitteilung (z.B. an den Hausmeister, den Dozenten, eine Firma usw.). Was wirklich anders ist, sind die stark unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade. A2- und B1-Aufgaben mischen sich und gehen von den Anforderungen her krass auseinander. Der Lesetext (Detailverstehen) ist deutlich anspruchsvoller als bei der alten B1-Prüfung. Die Gründe dafür liegen in der neuen Ermittlungsart des Endergebnisses. Zwischen reinen B1- und A2-Aufgaben gibt es eine Schnittmenge an gemischten Aufgaben. So kann errechnet werden, welche Niveaus der Teilnehmer in den verschiedenen Fertigkeiten erreicht.
2. Komplett anders: Die mündliche Prüfung
Auch die neue mündliche Prüfung besteht aus drei Teilen. Sie gestalten sich aber völlig anders. Während es bei der B1-Prüfung darauf ankam, dass die Teilnehmer miteinander kommunizierten, sprechen sie nun hauptsächlich mit den Prüfern. Als Grund für diese Neuerung gibt das BAMF an, die Teilnehmer sollten mit Muttersprachlern kommunizieren, weil sie das ja in der Realität auch täten. Mag aber auch sein, dass das BAMF die Quote der erfolgreichen Prüfungsabsolventen zu erhöhen versucht. Sie lag in der Vergangenheit bei traurigen 40%. Jedenfalls: Die beiden ersten Prüfungsteile sind nach dem Schema aufgebaut: Sprechen und anschließend auf Nachfragen reagieren. Sie gestalten sich ausschließlich als Dialog zwischen Prüfer und Prüfling. Das heißt, der andere Prüfungskandidat sitzt währenddessen passiv daneben. Erst im Teil 3 sprechen die beiden Prüflinge miteinander (”Gemeinsam ein Problem lösen”. Dieser Teil gleicht dem alten Prüfungsteil der B1-Prüfung.) Hier der Prüfungsaufbau nochmal in Kürze:
1a: Sich vorstellen (als Monolog) > 1b: Auf Nachfragen antworten (als Dialog zwischen Prüfling und Prüfer) > 2a Ein Foto beschreiben und einen persönlichen Bericht dazu geben (als Monolog) > 2b: Auf Nachfragen antworten; persönliche Erfahrungen schildern (als Dialog zwischen Prüfling und Prüfer) > 3: Ein Problem gemeinsam lösen (als Dialog der beiden Prüflinge).
3. Neue Rolle der Prüfer
Die neue Prüfungsgestaltung bedeutet natürlich eine völlig neue Rolle der Prüfer. Während sie sich früher eher passiv im Hintergrund gehalten haben, müssen sie nun wach und aktiv sein und Fragen – vor allem gute Fragen – stellen. Man sollte sich gut auf die Prüfung vorbereiten und gelungene, einfallsreiche Fragen parat halten. Sonst kommt es zu peinlichen Situationen wie in einem Video, wo der Prüfer den Teilnehmer fragte, ob man in der Türkei auch Cola trinke. Besser als geschlossene Fragen (”Ja-/Nein-Fragen”) sind natürlich offene (“W-Fragen”).
Andererseits muss der Prüfer aber aufpassen, dass er nicht zuviel spricht und die Prüfung anfängt zu dominieren. Ein Teilnehmer, der nicht sprechen möchte, sollte dazu auch nicht gedrängt werden. Und trotzdem muss man als Prüfer genügend “sprachliches Material” erhalten, um eine Bewertung abgeben zu können. Meiner Meinung nach ist das für die Prüfer eine Gradwanderung zwischen Zurückhaltung und Gesprächsanimation, für die ein bisschen mehr Sensibilität nötig ist als früher.
Die Bewertung ist für die Prüfer komplizierter geworden, weil sie die Kriterien nun nicht nur für zwei Prüflinge, sondern auch für zwei verschiedene Niveaus (A2/B1) anwenden müssen.
4. Fazit
Mein Eindruck ist, dass die neue Prüfung vor allem durch eines steht oder fällt: die Prüfer. Durch ihre neue, aktive Rolle können sie die Prüfung eher schwierig oder leicht gestalten, langweilig oder spannend, angenehm oder sogar peinlich. Die neue Prüfung erfordert mehr Vorbereitung und mehr Konzentration seitens der Prüfer. Ob sie nun tatsächlich leichter ist als die alte, bezweifle ich. Wie gesagt, ist der Lesetext nicht ohne und auch die anderen Aufgaben auf B1-Niveau sind sicherlich nicht einfacher geworden. Der dritte Prüfungsteil der mündlichen Prüfung dürfte schwerer geworden sein, weil es keine Vorbereitungszeit mehr gibt. Die Teilnehmer müssen spontan die Aufgabe erfassen und den Dialog beginnen. Gute Kandidaten, die früher von ihrem schwächeren Gegenüber eher geblockt wurden, dürften allerdings von der neuen monologischen Form profitieren. Meine Prognose ist außerdem: In Zukunft werden mehr Teilnehmer den Test erfolgreich abschließen. Allerdings wird es mehr A2-Absolventen geben. Teilnehmer, die man früher noch “gerade so” das B1-Niveau hat bestehen lassen, werden jetzt ins A2-Niveau “abrutschen”.
5. Konsequenzen für das Training
Ich empfehle, im Training/Unterricht besonders folgende Dinge zu üben, um die Kandidaten vorzubereiten:
Lesen: Leseverstehensstrategien entwickeln für anspruchsvolle Lesetexte (Detailverstehen). Schreiben: Den formellen Brief in allen Varianten und Facetten trainieren. Sprechen: Monologisieren üben. Bildbeschreibung üben (vor allem: Details beschreiben). Es kommt vielen Teilnehmern erfahrungsgemäß – und wie ich finde, zu recht – albern vor, ein Foto in allen (banalen) Details zu beschreiben. Ich empfehle, die Teilnehmer darauf hinzuweisen, dass genau das in der Prüfung aber bewertet wird – und es mit Ihnen zu trainieren.
Ergänzungen sind willkommen!




Der neue Test scheint mehr der Statistik zu nützen als der Integration.